2025
Soft touch
Kunstkreis Radbrunnen, Breisach
Text von Gabriele Frey, M.A.
Soft touch
Skulpturen, Betongüsse, Objekte, Installationen, Ready mades, Mixed Media
Soft touch – damit bezeichnet man in der Warenwelt eine Oberflächenveredelung, die den Produkten eine weiche, angenehme Griffigkeit verleiht. Wir kennen das Adjektiv auch in Zusammenhang mit soft skills (soziale Kompetenzen), mit Softeis, Softshelljacken….
Hier meint Soft touch den Wiedereinstieg für Paul Ahl, die erste Berührung mit seiner künstlerischen Arbeit nach einem halben Jahr Familienpause nach der Geburt seiner Tochter. Sanft sollte der Einstieg sein, doch gleich drei Ausstellungen in zwei Monaten ist eher eine harte Landung. Vor einer Woche im Haus Salmegg in Rheinfelden, am 12. Oktober eröffnet die Ausstellung netz.werk.kunst der Oberrhein Galerien in Merdingen, an der er teilnimmt und heute hier seine Einzelausstellung im Radbrunnen in Breisach.
Für Paul Ahl ist der Turm eine Herausforderung. Er ist nicht einfach zu bespielen, birgt aber dafür ungewöhnliche Möglichkeiten und spannende Nah- und Fern-Perspektiven. Dominant das große, hölzerne Tretrad, mit dem bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts das Wasser aus 41m Tiefe heraufgezogen wurde: Paul Ahl war auch gleich von der Geschichte des Gebäudes fasziniert, das in seinem über 800jährigen Bestehen schon als Rathaus und Wohngebäude gedient hatte und seit 1983 den Kunstkreis Radbrunnen beherbergt. Mit seinen ausgestellten Werken tritt Paul Ahl in eine Beziehung zum Raum, zum Licht, zum Mauerwerk und umgekehrt. Die offenen Formen verbinden sich auf ganz eigene Weise mit dem umgebenden Raum. Sie beeinflussen den Raum, in dem sie stehen und der umgebende Raum beeinflusst ihre Wirkung bzw. ihre Wahrnehmung durch den Betrachter. Medium in dieser Interaktion sind Sie, die Betrachter, Sie sind aufgefordert, einen Standpunkt zu finden, der Distanz und Nähe ausbalanciert.
Soft Touch – eine sanfte Berührung – mit den Augen – findet also auch zwischen Ihnen und den Kunstwerken statt.
In der Kunst gibt es den Begriff der Soft Art oder soft sculpture für eine Richtung in der Bildhauerei, die statt der harten klassischen Materialien wie Holz oder Stein, weiche Materialien verwendet wie Stoff, Schaumgummi, Fasern oder ähnlich leicht Formbares verwendet wird. Bei Paul Ahl ist nur das Ausgangsmaterial „soft“, weich, fließend, doch in der Aushärtung wird es fest. In den Serien Umverpackungen und Dispersionen arbeitet er mit pigmentierten Betongüssen.
Als gelernter Steinmetz wollte er in seiner künstlerischen Arbeit weg von dem starren, dem klassischen Kanon verhafteten Stein und hin zu einer Arbeitsweise, die mehr Freiheit und experimentelles Schaffen ermöglicht.
Angefangen hat er mit Ton- und Lehmarbeiten 2014, Reliefs, in die schon oftmals der Abdruck von Alltagsgegenständen eingebettet war. Erosion, Zwischenraum, Überlagerung waren die Titel dieser Serien, die noch ganz ohne Farbe Abformungen von Oberflächen in den natürlichen Farbschattierungen der Materialien wiedergaben. 2017 begann er in seinen Tonarbeiten mit Farbe, mit Glasuren zu experimentieren und in diesem Jahr entstanden die ersten Betongüsse, eine Serie, die er „Umverpackung“ nannte.
Er findet eine neue Formensprache, indem er gebrauchte Schutzverpackungen mit Beton ausgießt. Umverpackungen ermöglichen einen reibungslosen Ablauf in der Handelskette, werden nach dem Liefern und Auspacken der Waren weggeworfen – manchmal sind sie auch eigenständig designte Objekte um die Wertigkeit des Produkts hervorzuheben. Ursprünglich Schutzhüllen, danach nutzlos, dienen sie Paul Ahl als Negativformen zur Formfindung. Nach dem Ausgießen mit der Betonmasse lösen sie sich auf oder werden zerstört um die positive Form herauszuschälen.
Manchmal bleiben sie auch ein integrierter Bestandteil des Werks wie in den beiden Arbeiten im 2.OG, wo die Ausgangsmaterialien als Träger der Betonmasse fungieren.
Solche vorgefundenen negativen Räume lassen unerwartete positive Formen zu Tage treten. Nicht immer kann und soll man ihre Herkunft erkennen, manchmal ist sie offensichtlich, springt ins Auge, manchmal bleibt sie rätselhaft und ist letzten Endes auch unwichtig. Die beiden Umverpackungen im 1. OG ahmen die Oberflächen ihrer Gussformen – Styropor – perfekt nach. Auch Farben Gelb und Blau tragen zum Eindruck von Leichtigkeit bei. Jedoch das täuscht: Sieht leicht aus. Ist aber betonschwer!
Schon zu Anfang, in seinen frühen Arbeiten war es die Faszination der Strukturen der Oberfläche, auf die Ahl seine Aufmerksamkeit richtete, nun richtet er unsere Aufmerksamkeit auf den Leer-Raum, auf das was übrig bleibt, wenn der Inhalt entnommen ist.
Die Suche nach neuen Formen und Bezügen bringt minimalistische Skulpturen hervor. Die so entstandenen Objekte regen manchmal zu Assoziationen an, erinnern an Symbole, wie das kleine grüne „Wegekreuz“ in der Nische im 1. OG oder nehmen archaische Erscheinungsformen an wie die „Venus“ auf der anderen Seite. Wir Menschen wollen ja immer Bedeutungen in das Gesehene legen...
Paul Ahl arbeitet gerne in Serien, denen ein gemeinsames Konzept zugrunde liegt. Aus der Serie der Umverpackungen entwickelte sich die Serie „Dispersion“. Mit Dispersion bezeichnet man ein heterogenes Gemisch aus unterschiedlichen Stoffen, bei dem eine Substanz fein in der anderen verteilt ist. Paul Ahl mischt seine Gussmasse selbst aus Zement, Wasser, feinstem Sand und färbt sie durch Zusatz von Pigmenten in der Trockenmasse ein. Wie sich die Masse ausdehnt, wie die Oberfläche nach dem Austrocknen erscheint, wie sich die Pigmente verhalten, dies alles ist ein Prozess, dessen endgültiges Ergebnis nicht vorhersehbar ist.
Das Unerwartete, der Zufall, spielt schon seit den Anfängen seiner künstlerischen Arbeit eine wichtige Rolle. Paul Ahl nennt es „das Pendeln zwischen Zufall und Kontrolle“.
Paul Ahls Skulpturen – ob Umverpackungen oder Dispersionen – changieren zwischen Masse und Fragilität, zwischen Schwere und Leichtigkeit, zwischen Innen- und Außenraum. Formen des Alltags werden aus ihrem funktionalen Kontext befreit.
In der Ecke im 2.OG sehen Sie pigmentierte Betongüsse aus der Serie „Dispersion“, kleine Wandobjekte, die lange in ihrer Gussform belassen wurden und erst in diesem Jahr, aus der Form befreit, ihre endgültige Gestalt gefunden haben. Sie bilden ungewöhnliche, dreidimensionale Formen mit einer Oberfläche, die ihre Herkunft erahnen lässt. Ihre Platzierung korrespondiert mit den Natursteinen im Mauerwerk, der Form des Fensters und dem Lichteinfall in ganz überraschender Weise.
Im 1.OG rechts sind 8 Arbeiten in einem losen, aber beziehungsreichen Zusammenhang angeordnet. Ein Fundstück (grau, rund), Umverpackungen und Dispersionen. Die Arbeit am linken Rand ist mehrfarbig gegossen, die Grundfarbe ist gelb, mit Spraydose und Bunsenbrenner wurde sie weiter bearbeitet. So entsteht ein Objekt, das zum Erforschen der Spuren, zum Nachspüren der Farbverläufe zwischen gelb und grün anregt.
Die Lust an den Farben kam bei Paul Ahl erst im Laufe seines Arbeitens
Deutlich sichtbar wird sie in den Serien „Dummys“ und „Layers“ im 2. OG –
Diese Mixed Media Arbeiten stehen zu den Skulpturen in einem eigenständigen und auch ergänzenden Verhältnis. In ihnen verbinden sich unterschiedliche Materialien, Techniken und Medien.
Dummys heißen sie deshalb, weil sie ursprünglich als Platzhalter für die schweren Betonarbeiten gedacht waren. Um Ausstellungen und Anordnungen zu konzipieren, fertigte Paul Ahl für seine schweren Betongüsse Dummys aus Karton an. Auch hier entdeckte er das Potential des „Gebrauchten“, des mehrfach Gebrauchten. Auf diesen Kartons, die noch Schriftzüge ihrer ursprünglichen Verwendung tragen, die geknickt sind um das richtige Format zu bekommen, spielt er mit Farbe, lässt Beton draufklatschen, arbeitet er mit einfachen Materialien und alltäglichen Dingen wie Klebeband, Styrodor, Isoliermaterial – kunstfremden Materialien wie man sie im Baugewerbe findet. So gewinnen sie malerische, reliefhafte Qualitäten.
Ausgangspunkt für die „Layers“ sind Farbschichten, die sich oben auf der Gussmasse absetzen. Er schöpft sie ab, bearbeitet das Blatt zusätzlich mit der Spraydose, so legen sich Farbschichten und Abdrücke transparent übereinander. Als Bildträger dienen Isolierplatten aus dem Baustoffhandel.
Sein Blick für den ästhetischen Wert des Wertlosen wird auch in den Objekten sichtbar, die „aus der Reihe“ tanzen: Eine Blechrückwand, herausgeflext von einem Transporter, zeigt eine Vielfalt von Strukturen, fasziniert durch ihre lebendige Oberfläche.
Die Installation der rosarot eingefärbten Folie (so vorgefunden!), die auf einem eigens angefertigten Gestell im Erdgeschoss des mittelalterlichen Turmes den Besucher empfängt bildet einen Gegenpol zum Rad des Brunnens und stimmt mit ihrer sanften Bewegung auf die Ausstellung „Soft touch“ ein.
Kabelbrücken in einem Farbverlauf von Pink nach Gelb arrangiert Paul Ahl zu einem lamellenartigen Wandobjekt von verblüffender Wirkung – so schön kann die Baubranche sein!
Es sind Ready mades, vorgefundene alltägliche Dinge, aus ihren ursprünglichen Bezügen herausgelöst. Solche Fundstücke werden zu eigenständigen Werken.
Alltägliche Gegenstände aus ihrem Zusammenhang herauszulösen verändert unsere Wahrnehmung. „Ich suche nicht, ich finde“ zitiert er einen berühmten Ausspruch Picassos. Paul Ahl ist ein aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt – „What surround us“ hieß seine Ausstellung 2024 in Offenburg. Ein sprechender Titel auch hier!
Paul Ahl richtet unsere Aufmerksamkeit auf das, was uns umgibt und gerne übersehen wird. Ob das eine weggeworfene Babyschale ist, die er in softem Rosa, glatt und glänzend als Betonguss wieder erstehen lässt („Babycare“) oder ein Getthoblaster, der in ironischer Weise wie ein Ausgrabungsfund daher kommt, aber noch mit einem Kabel verbunden ist – seine ungewöhnlichen Formfindungen regen
zu neuen Seh-Erfahrungen an und erweitern unsere Wahrnehmung. Wie ein Archäologe der Jetzt-Zeit lenkt er unseren Blick auf das Darunter, Dahinter, Dazwischen, Darin. In den Negativformen das Positiv sehen können, im Weggeworfenen das Wertvolle. Seine Arbeiten öffnen uns die Augen für die Ästhetik des Alltäglichen.
2024
Si Mi Ya
Galerie für Gegenwartskunst, Freiburg
Text von Dr. Heidi Brunnschweiler
Paul Ahl interessiert sich für unbeachtete Alltagsgegenstände, den Zufall als Faktor des Formprozesses und für Materialexperimente. Charakteristisch für seine Arbeiten ist die Verwendung von Fundstücken und der raffinierte Einsatz pigmentierter Betonmischungen. Bildhauerisch interessante Beobachtungen in der Umwelt können einen mehrstufigen Arbeitsprozess auslösen, der zu einem Werk führt.
Ahl setzt Fundstücke als provokative Geste ein, um die Definition von Kunst in Frage zu stellen und den Kunstbegriff zu erweitern. Dazu integriert er sie teilweise in seine Arbeiten und/oder verwendet sie als formgebende Elemente. Die auf der Straße gefundenen, weggeworfenen, Industriell gefertigte Alltagsgegenstände (Readymades) verwendet Ahl teilweise als Gussformen für Beton. So kann er den formalen Feinheiten ihrer Gebrauchsspuren Sichtbarkeit und Dauer verleihen.
Über das Material und die Form hinaus nutzt Ahl Beton und Readymades als Bedeutungsträger, um über die Alltagswelt zu reflektieren, etwa über unseren Konsum bestimmter Aufputschmittel oder die inflationäre Verwendung von Piktogrammen in der Kommunikation. Aus dieser Logik heraus können Fundstücke neuerdings auch eigenständige Arbeiten sein.
Ahl arbeitet häufig in Serien. Jeder Serie liegt eine konzeptuelle Gemeinsamkeit zugrunde, wie z.B. die Verwendung eines bestimmten Elements oder einer besonders feinen Betonmischung.
What surrounds us
Künstlerkreis Ortenau, Galerie im Artforum, Offenburg (S)
Dietrich Röschmann - Kolateralformen des Warenverkehrs, erschienen in der Badischen Zeitung, 06.09.2024.
2023
VOM FLIEGEN UND FALLEN
Galerie Marek Kralewski, Freiburg (S)
Einführung Marek Kralewski
Vom Fliegen und Fallen. Wie wir alle wissen ist das Fliegen mit nicht unerheblichen Gefahren verbunden. Aus der griechischen Mythologie kennen wir die Geschichte von Dädalus und Ikarus, die sich mit selbst gebauten Flügeln auf die Flucht aus dem Labyrinth des Minotaurus machen. Dädalus Sohn Ikarus ignoriert die Warnung seines Vaters, der Sonne nicht zu nah zu kommen, wird übermütig und stürzt ab als die Sonne das Wachs seiner Flügel schmelzen lässt. Er fällt ins Meer und stirbt.
Doch nicht nur aus Mythen ist uns der Zusammenhang zwischen dem Fliegen und dem Fallen bekannt, sondern wahrscheinlich jedem Einzelnen auch aus dem Alltag. Hat man sich zuletzt noch federleicht auf der Höhe befunden kann das eine bestimmte Ereignis alles aus der Bahn werfen und den Fall einleiten. Dann wünscht man sich sanft und abgefedert auf einer weichen Matratze zu landen.
Ich kann nur soviel verraten: Paul Ahls Abgüsse von Matratzen eignen sich nicht dazu.
Alle hier versammelten Arbeiten sind aus Beton gefertigt und changieren zwischen Leichtigkeit und Schwere, Weichheit und Härte. Zum Teil ist es die Kombination durch das noch in Teilen auf den Kunstwerken stehen gelassene ursprüngliche Material, zum anderen die Form, die Farbe oder die Struktur der Oberfläche.
Die "Skulpturen" auf dem Boden könnten tatsächlich für Bruchstücke aus Styropor gehalten werden, doch bei näherem Hinsehen fällt auf, dass sich manche der Stücke gleichen und identische Bruchkanten haben. Spätestens wenn man sie in die Hand nehmen würde wäre es offensichtlich: Es sind Fakes. Also nicht wirklich Fake, sondern eher Kunst. Kunst, die sich löst und selbständig macht von dem Gegenstand seiner Darstellung.
Doch vielleicht ist es auch die Arbeit "Andenken", die in dieser Ausstellung die konsequenteste Position einnimmt. Es ist eine sehr persönliche Sammlung von Stücken, die Paul in seinem Atelier über einen langen Zeitraum gesammelt hat und hier zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Jedes einzelne der präsentierten Erinnerungsstücke ist mit einem Andenken verbunden, die nur Paul Ahl kennt.
2022
Den Zufall als Partner.
Dr. Julia Galandi-Pascual
Wie entsteht die Form? Nicht ausschließlich, aber wohl auch weil Paul Ahl ursprünglich ausgebildeter Steinmetz ist, erscheint diese Frage zentraler Ausgangspunkt in seinem künstlerischen Werk als Bildhauer. Der Zufall spielt im Entstehungsprozess bereits in den frühen Arbeiten aus Lehm und Ton genauso eine Rolle wie in den seit 2017 produzierten Arbeiten aus Beton. Während sich erstere seiner Kontrolle noch während des Trocknens und vor allem Brennens entzogen hatten, erscheint das Unerwartete bei den jüngeren Arbeiten auf unterschiedlichen Ebenen maßgeblich sowohl für die Formfindung, ihre Erscheinung und schließlich auch für deren Wahrnehmung bedeutungsvoll.
Gleich zu Beginn stellt sich daher auch die Frage, wer eigentlich wen findet: Der Künstler die Form oder die Form den Künstler? So mag man durchaus spekulieren, wenn man erfährt, dass Paul Ahl in der Regel zufällig vorgefundene Umverpackungen zur Formfindung nutzt: Es sind Hüllen, ursprünglich zum Schutz oder der besseren Handhabung von Produkten und Waren vorgesehen, die zu diesem Zeitpunkt aber nur noch Überreste der Konsumkultur darstellen. Die im wahrsten Sinne entleerten Formen, die offenbar auf Abwesendes verweisen, fallen Paul Ahl so unmittelbar ins Auge, dass er – wie er selbst einräumt – in dem Augenblick gar keine Wahl habe, als jene eigentlich entsorgten plastischen Gestalten an sich zu nehmen. Während viele Produkte, selbst Lebensmittel, nur dank einer geeigneten Schutzverpackung überhaupt erst in normierten Ablaufprozessen von Logistik und Handel vertrieben werden können, setzt Paul Ahl jene Packmittel nun als Gussformen auf eine im wahrsten Sinne einzigartige Art ein. Ob aus Kunststoff, Kartonage, Folie oder Styropor: Für die fortlaufende Werkreihe „Umverpackungen“ ist nur ein Guss pro Verpackungsform möglich, die sich währenddessen entweder selbst auflöst oder zerstört werden muss, um die darin gegossene Form freilegen zu können. In den Arbeiten der jüngeren Serie „Dispersion“ können die Ausgangsmaterialien, wie Schaumstoff oder Karton dagegen als Träger der Betonmasse erhalten bleiben.
Waren es früher noch Nutzgegenstände selbst, die auf Ton bewusst ausgelegt reliefartige Abdrücke hinterlassen hatten, entstehen nun die plastischen Arbeiten durch die Füllung bereits existierender, zufällig vorgefundener Formen. Ein vorgegebener Negativraum wird zum Protagonisten im Entstehungsprozess einer möglichen positiven Form. Geradezu selbstverständlich erscheint es dann, dass der Kontrollverlust weiter gepflegt wird. Denn auch wenn Paul Ahl aufgrund von Erfahrungswerten mittlerweile zwar erahnen kann, wie sich die weiche Masse in den Gussformen ausdehnen oder welche Wirkung die Oberfläche entwickeln wird, bleibt trotzdem zu guter Letzt die Entwicklung fremd bestimmt: Einfluss können z.B. die charakteristische Beschaffenheit der Innenseiten der Gussformen oder der Beton selbst haben, der nach der Austrocknung mal geschlossen, mal offenporig, bisweilen aufgeraut erscheinen kann. Die grundsätzliche Bereitschaft des Zulassens ermöglicht hier reales Vorhandensein.
Während schon die gegossenen Formen eindeutige Rückschlüsse auf ursprünglich-funktionale Zusammenhänge erschweren, wird dieser Entfremdungseffekt zusätzlich durch den Einsatz von Farbe gesteigert. Pigmente, Lacke und Farben: Abgetönt, gemischt bis markant-kräftig, bisweilen sogar grell-neonfarben, prägen die Erscheinung der Arbeiten von Paul Ahl inzwischen maßgeblich mit. Dieser Farbrausch konterkariert aber nicht nur das formale, technisch-praktische Aussehen der dreidimensionalen Körper auf sinnliche Art und Weise, sondern entrückt sie endgültig aus funktionalen Notwendigkeiten und ist so Voraussetzung der Sehereignisse, die Paul Ahls Arbeiten darstellen.
Auch wenn die Entscheidungen für den ein oder anderen Farbton stets intuitiv vom Künstler gefällt werden, kommt auch hier wieder die bewusst fehlende Absicht ins Spiel. Denn viel hängt davon ab, wie Beton und Pigment miteinander reagieren: Sollte letzteres bei einer direkten Beimischung eigentlich absinken, kann es dann plötzlich doch vereinzelt hochkommen, so dass unkontrolliert selbstbestimmte Farbeinschüsse auf der späteren Oberfläche zu sehen sind. Auch wie sich direkt in die Verpackung gesprühte Farbe mit dem Gussmaterial verbindet, ist nicht exakt vorhersehbar, sondern führt zu eigenmächtigen Anmutungen, bei denen die Pigmente mal sich primär-vereinzelt, staubartig ablagern, mal in verkrusteten Flächen auf dem Trägermaterial sichtbar bleiben. In anderen Fällen sind Farbverläufe zu entdecken, die offensichtlich aus keinem erkennbaren Kompositionswillen entwickelt wurden und trotzdem niemals willkürlich, sondern zufällig-bestimmt erscheinen.
Eine besonders spannungsvolle Rückkoppelung mit der Alltagswelt erfahren Paul Ahls Plastiken schließlich, wenn sie nicht in einem White Cube-Ausstellungsraum präsentiert werden, sondern z.B. in gewerblich genutzten Räumen zwischen anderen, durchaus funktionalen Elementen wie einem Brandmelder, Lüftungsausgang oder Heizkörper montiert werden. Plötzlich muss man sich fragen, welcher Unterschied zwischen solchen Formen und denen besteht, die Paul Ahls Arbeiten sind? Ist es nicht reiner Zufall, was wir als zweckmäßige und was als ästhetische Gestalt wahrnehmen? Die anfänglich für Paul Ahls künstlerische Arbeit als zentral beschriebene Frage nach den Entstehungsbedingungen von Formen, muss daher um die Bedingungen ihrer Wahrnehmung erweitert werden. Während das eigenmächtige Zusammenspiel von Formen, Material und Farben in Paul Ahls Arbeiten bekannt und gleichzeitig fremd anmutet und zunächst vor allem unseren Sehsinn anregt, besteht ihre besondere Qualität letztlich aber darüber hinaus darin, dass sie unseren Blick auf das, was uns vielleicht absichtslos umgibt, auf das Nebensächliche, auf das Darunter und Dahinter oder auch auf das Dazwischen zu lenken vermögen - und das in keineswegs zufälliger Weise!
WECHSELWIRKUNG
GeorgScholzHaus, Kunstforum Waldkirch
2021
SPANNUNGSFELD
Museum "Altes Rathaus" Leingarten
Josef Staudinger - Zwei, die sich ergänzen, erschienen in der Heilbronner Stimme Westausgabe, 23.11.2021.
2020
DIE TRAUMLANDE,
Galerie Marek Kralewski, Freiburg
Einführung Dr. Caroline Li-Li Yi
Die Oberfläche der beiden Basreliefs aus der Serie Dispersion lassen mich an einen abenteuerlichen Tauchgang denken. Leuchtende Auswüchse von Korallen und unwägbar geheimnisvolle Unterwasserhöhlen ziehen unsere Wahrnehmung hinab in die Tiefe.
Paul Ahl absolvierte eine Ausbildung zum Steinmetz, bevor er an der Edith Maryon Kunstschule Bildhauerei studierte. Neben den beiden aktuellen Wandarbeiten aus der Reihe Dispersion ergänzt die Arbeit Umverpackung 107 als kleine Premiere das Portfolio des Künstlers. Dieses flache, tonig, sandige Werk ist befreit vom Halt einer Wandfläche und tastet sich als Sockelarbeit in den Raum.
Paul Ahl erschließt sich in seinen Arbeiten die Form über das Material. Beton, ist das Mittel seiner Wahl, das er in Schaumstoff oder in Verpackungen gießt. Das Interesse des Künstlers gilt der Struktur der Dinge. Wie ein Forscher untersucht und zerlegt er die alltäglichen Substanzen und verwandelt sie in eine Materie, die uns fremdartig und doch vertraut erscheint. Aus sogenannten armen Materialien wie Schaumstoff und Beton schafft Paul Ahl anmutige Reliefs, die sich wie lebendige Strukturen die Wandflächen erschließen. Dabei transformiert der Künstler die luftig leichten, vergänglichen Textur des Schaums in beständige, gewichtige Formen aus Beton. Er lässt die Materialien aufeinander wirken und lässt zu, dass sie sich durchdringen. Durch Zugabe von Pigmenten entstehen Farben, die wie Mineralien von einem weit gereisten Himmelskörper aussehen.
Die Online-Vernissage zur Ausstellung mit Dr. Caroline Li-Li Yi auf youtube:
2019
Kunststein
Mojäk Galerie, Heilbronn (S)
Der ein neues Material erforscht
Man muss sich Paul Ahl als gelassenen Menschen vorstel len: Wenn er seine Tontafeln im langwierigen Holzbrandverfahren herstellt, dabei immer die Temperatur im Auge behält, die peu à peu und mit aller gebotenen Vorsicht von 400 auf 1000 Grad steigt: Dann braucht der Keramiker eine Engelsgeduld.
Zufall Roh muten seine Tontafeln zuweilen an, manchmal fehlen Teile, die im Brandprozess abgesprengt worden sind. Auch das sind wesentliche Bestandteile in der Arbeit des 1983 in Heilbronn geborenen Paul Ahl: diese institutionalisierte Prozesshaftigkeit, die mit einer Akzeptanz des Faktors Zufall einhergeht.
Wenn Paul Ahl, der nach seiner Lehre zum Steinmetz an der freien Kunstakademie Edith-Maryon in Freiburg studierte, jetzt in der Mojäk-Galerie in der Bahnhofsvorstadt Arbeiten vorstellt, die gar nichts mit der vertrauten Materialität des Tons zu tun hat, muss man auf die Prozesshaftigkeit seines Arbeitens zu rückkommen. Zunächst, so erinnert sich der in Freiburg lebende Paul Ahl, kam es zu Versuchen mit verschiedenen Glasuren. Er liebt diesen Moment, da er Neues erproben darf, und sei es das ein oder andere Experiment mit Pigmenten. Doch in ihm rumorte es: „Ich fühlte mich gelangweilt. Ich hatte Lust auf ein neu es Material, das nicht ganz so fragil wie Ton ist.“
Rohheit Hier kommt der Beton ins Spiel, jenes Material, das in den 60er bis 80er Jahren so gerne in den Innenstädten verwendet wurde und seither mit dem nicht gar so schmeichelhaften Begriff des Béton brut und dem Brutalismus verbunden ist. Auch hier geht es Paul Ahl um den Faktor Rohheit, um das Stehen lassen respektive auch die Offenlegung des Innenlebens, jenen Teilen, die normalerweise verborgen sind. Das macht sich Paul Ahl in seiner Ausstellung „Kunststein“ zu eigen. In Zufallsfunden von industriell her gestellten Verpackungsmaterialien hat er seinen Beton gegossen. Nach dem Abbindungsprozess und der Erhärtung des Materials, nimmt er die Kartonagen ab. Zurück bleiben fragile Betonwucherungen, die er wenn schon, denn schon – mit Farbe akzentuiert: Zeitkapseln sui generis, die als Antwort auf unsere Wegwerfgesellschaft zu verstehen sind.
UMVERPACKUNG
Galerie Marek Kralewski, Freiburg (S)
Einführung Marek Kralewski
Paul Ahl absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Steinmetz, bevor er sich entschloss ein Bildhauerstudium an der Edith-Marion-Kunstschule in Freiburg-Munzingen anzuschließen. Das war ein Ausdruck seines Freiheitswillens.
Zuerst sticht eine Arbeit hervor, die sich nicht so recht zu den anderen Arbeiten fügen will: "Ohne Titel 12" am Eingang. Wir haben uns dennoch entschlossen diese Arbeit zu zeigen, weil sie den Übergang erfahrbar macht. Sie stammt aus einer Serie bei der Paul Ahl gefundene Gegenstände mittels Auswaschung auf Ton- und Erdtafeln übertragen hat um sie anschließend im umgebauten Ofen zu brennen. Nur die Erhebungen und Vertiefungen erlauben uns das Dargestellte zu imaginieren und das Ergebnis könnte ein Ausschnitt aus einer archäologischen Grabung sein. Bei "Ohne Titel 12" sind die Umrisse von weggeworfenen Verpackungen, Dosen und ähnlichem zu sehen. Das was dort nur ein leichtes Relief hat, quasi ein Schatten seiner selbst, ist bei den anderen hier gezeigten Arbeiten das Gefäß aus dem das Kunstwerk entsteht.
Seit 2017 arbeitet Paul Ahl auch mit Beton, den er mit Pigmenten, Lacken und Farben mischt und kombiniert. Wie im vorderen Raum zu sehen, ist das Material Beton äußerst vielfältig. Je nach Material und Beschaffung der Umverpackung, je nach Zusammensetzung des Beton-Rezeptes und je nach Verarbeitung gelingt es Paul Ahl eine verblüffende Täuschung zu erzeugen, bei der die Eigenschaften von Form und Inhalt verschwimmen. So zeigt sich z.B. bei "Umverpackung 24" der Beton gleich der Sahne auf einem Kuchen oder dreckig-rostig wie bei "Umverpackung 25".
Aus diesen Farb- und Materialexperimenten heraus entdeckte Paul Ahl verstärkt die Form als Forschungsfeld. Der archäologische Impetus brachte eine Reihe von Arbeiten hervor deren Formen sehr eigensinnig und doch vertraut wirken und deren Alter nur schwer bestimmt werden kann. Diese Arbeiten scheinen eine merkwürdige Verwandtschaft zur Aztekischen Kunst und Architektur zu haben. Eine Arbeit gar, "Umverpackung 46", erinnert an die Venus von Willendorf. Das sind 30.000 Jahre Menschheitsgeschichte. Einzig die ab und an in den Werken sichtbaren arabischen Zahlen und lateinischen Buchstaben verraten uns, das der Ursprung industrieller Natur ist und es sich nicht um Götzenfiguren handelt. Oder doch?
Paul Ahls Verdienst besteht darin aus dem Alltäglichen das Besondere herauszuholen.
Paul Ahl - Umverpackung
In Ton gearbeitet hat, freilich als Bildhauer, bis vor nicht langer Zeit auch Paul Ahl. Heute ist das Material seiner Wandobjekte hauptsächlich Beton. Die wachsen in der Freiburger Galerie Marek Kralewski in fremdartig anmutenden Formen zart pastellfarben aus der Wand. "Umverpackung" – den Begriff, den der 1983 Geborene als Titel einer Werkserie und jetzt der Ausstellung mit neuen Arbeiten wählte, glaubte er ursprünglich selbst erfunden zu haben. Um irgendwann festzustellen, dass er die Fachbezeichnung für eine äußere Verpackung ist, in der eine bereits abgepackte Ware transportiert und zum Kauf angeboten wird.
Exakt solche Verpackungen nutzt Ahl als Gussform für seine Beton-Objekte. Das Innere ist in ihnen gleichsam nach außen gestülpt. Und was als Hülle für anderes diente, gewinnt eigene Fülle und Substanz – in der alchemistischen Verwandlung sogar bisweilen figürliche Anmutung wie diese zartviolettfarbene Form, die ans Antlitz eines Androiden denken lässt. Zwei rosa Formen erinnern dagegen an menschliche Torsi mit Arm- und Beinstümpfen.
Als "Dekonstruktion des Alltags" wurde Ahls Kunst etwas modisch etikettiert; das Gegenteil trifft zu. Ahls Interesse gilt der Ästhetik industrieller Gebrauchsformen, die er verfremdet, nur um ihre unbeachteten Formpotenziale hervor zu kitzeln. Wir sind ja umgeben von Dingen, über die wir achtlos hinweggehen. Paul Ahl sieht genau hin – und entdeckt noch im industriellen Produkt Archaisches. In einem FünferLagerungs-Set für Melonen beispielsweise ein Formensemble, dessen dunkle BetonFüllung uns ankommt wie die Körpervolumina der Venus von Willendorf.
Hans-Dieter Fronz, erschienen in der Badischen Zeitung, Di, 12. Februar 2019
2017
ÜEBER LICHT UND SCHATTEN
Künstlerhaus Heilbronn
Produziert von Philipp Seitz Klanggestaltung Dipl. Audio Engineer (SAE)
2016
Spuren finden. Zeichen setzen.
Regionale 17, Kunsthaus L6, Freiburg
Einführung von Jolanda Bozetti, Kunsthistorikerin
Erde, Feuer und Wasser sind die Elemente, mit denen der Bildhauer Paul Ahl (*1983, Heilbronn) arbeitet. Das nachahmen natürlicher Erosionsprozesse stand am Beginn seiner Arbeit mit Ton. Während der Regen durch Abwaschungen zufällige Formen auf der Erde hinterlässt, kann Paul Ahl mit einem Wasserstrahl die Gestaltung seiner Tonplatten gezielt steuern. So entstehen abstrakte Bilder, die etwa an Wellenmuster im Sand denken lassen. Oder es erscheinen reliefartige Abdrücke bekannter Alltagsgegenstände wie Dosen, Flaschen oder Telefone. Beim Brennvorgang spielt das nicht Steuerbare der elementaren Kraft eine wichtige Rolle. Im Ofen können die Arbeiten Risse bekommen oder auch komplett zerspringen. Dann wird der Bildhauer zum Archäologen, der in geduldiger Arbeit die Einzelteile wie ein Puzzle wieder zusammenfügt.
Bruchstelle
Museum „Altes Rathaus“, Leingarten (S)
Einführung von Dr. Fiona Hesse, Kunsthistorikerin
Es gibt wohl keine ursprünglichere Tätigkeit, als Kunst mithilfe der vier Elemente zu kreieren. Paul Ahl bringt seine Arbeiten mit den Händen aus Erde in Form, modelliert sie mithilfe von Wasser, lässt sie von der Luft trocknen und vom Feuer konservieren. Er hat dabei ein künstlerisches Material gewählt, das so alt ist wie die Menschheit selbst: Lehm.
Seit prähistorischer Zeit spielt die Arbeit mit gebrannter Erde – Terra Cotta – eine wichtige Rolle in der Kunst. In der Renaissance z.B. nutzten Künstler Lehm in Form von sog. Bozzetti, kleinformatigen plastischen Skizzen, die den Auftraggebern Einblicke in den Arbeitsprozess gaben. Im Gegensatz zu weißem Marmor, Bronzeguss oder gegenwärtig hochpoliertem Edelstahl, galten Arbeiten aus Lehm jedoch als minderwertig. Obwohl so unterschiedliche Künstler wie Pablo Picasso, Jannis Kounellis oder Anselm Kiefer das Material im 20. Jahrhundert erneut für sich entdeckten und als Grundstock des Schöpferkünstlers ansahen und somit – zumindest ideell – veredelten, konnte sich Kunst aus Lehm bis heute nicht richtig von der Aura des Kunst-Handwerks lösen.
Dass sich dieses Stigma endlich im Wandel befindet, ist Künstlern wie Paul Ahl zu verdanken.
Seine ersten gebrannten Kunstwerke bestanden aus einer wilden Mischung aus Ton, Bauschutt und Blumenerde, über Jahrzehnte im Nutzgarten vermengt. Die Ergebnisse wirken authentisch roh und teilweise so fragil, als könnten sie jeden Augenblick bersten und zu Staub zerfallen. Mittlerweile nutzt Ahl professionellen Ton mit hohem Schamottanteil, der auch für Ziegelherstellung genutzt wird. Hier sind die Möglichkeiten, unterschiedliche Effekte durch die Struktur des Materials und seiner Bearbeitung zu erzielen, vielfältiger, das Material hitzebeständiger. Nicht immer hält der Rohstoff den Temperaturen bis zu 1000° C stand und zerspringt. Das liegt vor allem an den Rissen, die bei der Trocknung entstehen können, und die sich während des ca. 6h dauernden Holzbrands im Ofen verheerend auswirken können – in mühevoller Kleinarbeit setzt Ahl dann die Bruchstücke mithilfe von Tricks aus seiner Tätigkeit als Steinmetz in der Restaurierung wieder zusammen. Diese auf den ersten Blick misslungenen Brände verleihen seinen Kunstwerken jedoch oft genau jene Bruchstellen, die sie so vielschichtig machen.
Viele seiner Arbeiten zeigen Nutzgegenstände – Werkzeuge, Geschirr, Nahrungsmittel – und sind in ihrer Nutzlosigkeit – da durch ihre Übertragung in gebrannten Ton ihrem eigentlichen Sinn und Zweck enthoben – faszinierend und befremdlich zugleich. Unter dem Strahl des Wassers hinterlassen die auf dem Ton liegenden Gegenstände nach und nach einen reliefartigen Abdruck ihrer selbst. Wie beim Spiel mit Licht bewirkt ein nah am Untergrund liegender Gegenstand schärfere Konturen, als einer, der sich weiter entfernt befindet, was ihm eine fast mystische Aura verleiht. Nicht immer lassen sich Telefon, Kamera oder andere Gegenstände aus dem Alltag des Künstlers sofort erkennen. Der Wiedererkennungswert ist aber nicht das Hauptaugenmerk des Künstlers. Wichtiger sind die Form eines Gegenstandes und sein physischer „Schatten“, den das ihn umspülende Wasser hinterlässt und ihm so eine eigene Gestalt gibt.
Obwohl ursprünglich weniger politisch oder gar gesellschaftskritisch motiviert, können Paul Ahls Arbeiten durchaus als kritische Dekonstruktionen des Alltags verstanden werden. Wie Objekte archäologischer Forschungen aus der Zukunft spiegeln die Wasserschatten elektrischer Geräte die planmäßige Kurzlebigkeit (geplante Obsoleszens) ihrer selbst wider – ihre technische (Soll-)Bruchstelle – und wir Betrachter stehen den Relikten unserer Konsumgesellschaft gegenüber. Entgegen der realen Fetischverbrennung und Verbrennung von Konsumgütern bei Künstlern wie Allan Kaprow oder Nam June Paik geschieht dieser gesellschaftskritische Akt bei Ahl eher symbolisch, eine fast schon esoterische Rückführung der dargestellten Gegenstände in den natürlichen Urzustand ihrer Materialien, in den Kreislauf des Lebens.
Den freieren Arbeiten liegen hingegen keine Gegenstände zugrunde, sondern entstehen aus Ahls Spiel mit dem Wasser. Meist flach auf dem Boden liegend, wird die glatt gestrichene Fläche durch den Wasserstrahl und verschiedene Düsen aufgeraut, platzt auf, wird teilweise sogar durchbrochen. Die Ergebnisse werfen ganz andere Fragen auf, regen Assoziationen an, verlangen, auch physisch den Standpunkt zu wechseln, um einen anderen Blickwinkel zu erhalten und in die Tiefe schauen zu können. Stehen wir einem von ferne aufgenommenen Satellitenbild oder zigfach vergrößerten Mikroben gegenüber? Betrachten wir die fragilen Lagen zarter Blütenblätter? Oder sehen wir schlicht und ergreifend eine vom Wasserstrahl aufgespaltene Oberfläche? Antworten erhalten wir aus dem eigenen Bilderschatz und dem kollektiven Bildgedächtnis, das heute durch die digitalen Verbreitungsmöglichkeiten globaler, universeller und vielfältiger geworden ist als je zuvor.
Als Kunstbetrachter lassen sich dadurch noch ganz andere Parallelen erkennen: Wenn Ahl seine Tonflächen mit dem Wasser durchlöchert und durchschneidet, erinnern seine Arbeiten an die zerhackten Leinwände Lucio Fontanas, in denen dieser die Grundbedingungen der traditionellen Malerei zerstörte: Die zweidimensionale Grundfläche einer Leinwand. Mit der Wasserdüse als Pinsel und dem formbaren Lehm als Leinwand rührt Ahl in seinen Arbeiten zwar nicht an den Grundfesten der Bildhauerei, aber fügt ihr eine neue und in ihren Ausdrucksmöglichkeiten äußerst malerische Komponente hinzu: Nicht die Hand direkt formt oder schwingt den Meißel, sondern lenkt nur noch indirekt die Kraft des Wassers. Durch den transformativen Vorgang des Brennens der eigentlich bereits fertig gestalteten Arbeiten wiederum gibt er seine bildähnlichen Reliefs dem Zufall preis – jeder Brand ein Spiel mit dem Feuer!
Dieses wiederum gibt jeder Arbeit auch ihre individuelle Färbung, denn auch die Farbverläufe, die durch den Brennvorgang entstehen, sind nur bedingt vorhersehbar oder gar planbar, können aber durch den Zusatz diverser Stoffe wie z.B. Eisenoxyd beeinflusst werden. Oft erreichen die Ergebnisse in ihrer Farbigkeit eine stark malerische Wirkung, die seine Arbeiten zu einem dreidimensionalen Gemälde werden lässt.
Paul Ahl erschafft mit seinen Arbeiten im ursprünglichen Sinne eine Skulptur, bleibt seinen bildhauerischen Wurzeln treu – dabei gelingt es ihm, das jahrhundertealte Relief in der zeitgenössische Kunst zu neuem, ästhetischen Leben zu erwecken und erlöst die Kunst der Terra Cotta gleichzeitig vom Fluch des Handwerklichen.
Comming home with art
Treppengespräch im Complex23/Triangel Ausstellungsfächen, Heilbronn
mit Dr. Bernhard Stumpfhaus
Das Treppengespräch am letzten Tag der Ausstellung Coming home with art von Paul Ahl beschäftigt sich vor allem mit dem Werden seiner Arbeiten aus gebranntem Ton. Adam, rote Erde. Der erste Mensch aus Ton. Babylon, Tontafeln mit den ersten geordneten Schriftzeichen, Tabellen ähnlich unserer Excel-Dateien. Das Formen aus Erde gehört wohl zu den ersten Tätigkeiten des sesshaften Menschen: Erde, Wasser, Feuer, Luft, das planende Zusammenfügen der Elemente zur Sicherung und zum Ausbau der Zivilisation. Doch soweit wollen wir nicht unbedingt zurückgreifen. In der Diskussion wollen wir vielmehr fragen, was den Künstler bewegt, sich den Formungen dieses ältesten plastischen Materials hinzugeben. Was braucht es, um diese irdenen Platten zu gestalten und zu brennen, dass sie so aussehen… wie versteinerte Relikte entweder aus grauer Vor- oder aus postapokalyptischer Nachzeit. Alle sind natürlich eingeladen mitzudiskutieren und ihre Fragen an den Künstler zu stellen.
2014
DREIRAUM
Kunstverein March, March-Hugstetten
Einführung von Dr. Christoph Schneider
Paul Ahl
... arbeitet mit Erde und Ton. Er imitiert Prozesse in der Natur, in der ganze Landschaften durch Bodenerosion, das sukzessive Wegschwemmen von Sand und Erde langsam verändert werden.
Erste Arbeiten ließ er Monate im Regen liegen. Auswaschungen und Verfärbungen entstanden im Laufe dieser Zeit und wurden durch den Brennvorgang konserviert.
Mittlerweile geht er gezielter vor, er beschleunigt den Vorgang, indem er mit einem Hochdruckreiniger kontrolliert Material auf den vorbereiteten Flächen abträgt.
Aufgelegte Objekte hinterlassen dabei ihre erhabenen Spuren. Von frühen Arbeiten bis hin zu aktuellen Ergebnissen sind seine Reliefplatten in der Ausstellung nebeneinander zu sehen.
Die Chronologie einer Idee, bei der die Motive immer weniger wichtig zu werden scheinen.
In der Reihung erkennt man verschiedene Werkphasen, in denen Paul Ahl mit verschiedenen Holzbrandtechniken experimentiert hat. Bei diesen eher einfachen Brenntechniken bleiben die Temperaturen nie konstant–was man an der unterschiedlichen Farbigkeit der Scherben gleichen Materials erkennt.
Das Werkstück zerspringt oftmals beim Brennen zu einem Scherbenhaufen. Keine Katastrophe, sondern ein kalkulierter Fehler, denn damit beginnt die Weiterarbeit, die eigentliche Herausforderung künstlerischer Entscheidung: das erneute Zusammensetzen ausgewählter Fragmente.
Zufall (Zeit) und Entscheidung – auf diesen Aspekten beruht maßgeblich das künstlerische Konzept . Paul Ahl beschäftigt sich somit mit den grundlegenden Aspekten gestalterischen Arbeitens, insbesondere mit den künstlerischen Strategien und nach wie vor aktuellen Fragen der Moderne.


